Warum es oft nicht klappt, wenn Verantwortung geteilt ist.
Stell dir vor du sitzt in einer U-Bahn.
Im Waggon wird eine Frau von einem Mann bedrängt. Was glaubst du?
In welchem U-Bahn-Waggon ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft höher? In einem fast vollen Waggon, oder in einem fast leeren?
Vor einiger Zeit las ich genau diese Frage in einem Artikel. Die Antwort auf die Frage war auf den ersten Blick vielleicht verblüffend.
Laut dem Artikel war die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft,
in dem fast leeren Waggon höher.
Warum ist das so? In der fast leeren Bahn spürt jeder einzelne stärker, dass auch er Verantwortung trägt, denn wenn die Verantwortung auf wenige Menschen lastet, ist der Druck für jeden einzelnen deutlich höher.
In dem fast vollen Waggon entsteht dagegen leicht der Gedanke, dass sich bestimmt jemand anderes kümmern wird. Es fällt leicht zu glauben, jemand anderes wäre besser dafür geeignet, oder man hofft einfach das jemand anderes eingreift, weil genug andere Menschen da sind.
Stell dir jetzt noch vor, du bist der einzige weitere Fahrgast in der Bahn und beobachtest das Geschehen. Der Druck steigt immens hier zu helfen und du wirst vermutlich nicht untätig wegsehen, weil dir klar wird, dass die Verantwortung zur Hilfe nun ganz allein bei dir liegt.
Warum ich das Thema damals so spannend fand: Als ich noch Teamleiter war, begegnete mir im beruflichen Alltag ein ganz ähnlicher Mechanismus, natürlich in einer völlig harmlosen und keineswegs vergleichbaren Situation.
Wir hatten ein Ticketsystem, also ein System zur Erfassung digitaler Arbeitsaufträge und alle Kollegen hatten die Aufgabe, neue Tickets, also IT-Arbeitsaufträge, die uns als Team betrafen, stets zeitnah zu bearbeiten.
Auch hier war die Verantwortung auf viele Menschen verteilt und du ahnst vielleicht schon wie das endete. Am Ende fühlte sich niemand so recht verantwortlich. Jeder fand für sich einen guten Grund, warum grade jemand anderes zuständig sein müsste. Hatte dies aber nicht im Team kommuniziert.
Verschärfend war die Tatsache, dass alle im Homeoffice arbeiteten, jeder saß gewissermaßen auf seiner eigenen kleinen Insel.
„Ich habe gestern schon so viele Tickets bearbeitet, heute ist mal jemand anderes dran.”
„Ich weiß nicht genau, was hier zu machen ist. Das muss jemand anderes machen.”
Oder:
„Ich hab grad was wichtigeres zu tun.”
Nicht falsch verstehen, ich verurteile das nicht. Das Verhalten ist absolut menschlich. Wir sollten uns nur in solchen Situationen darüber im Klaren sein, was hier passiert.
Es hilft ja auch niemanden, wenn wir darauf hoffen, dass sich jemand anderes kümmert. Das kann in Einzelfällen schon mal klappen, aber in den meisten Fällen eher nicht. Und das gilt für sehr viele ähnliche Situationen im Leben.
Im ersten Beispiel könnte schlimmes passieren, im zweiten Beispiel passiert oft einfach nichts und das wirft ein schlechtes Licht auf das gesamte Team.
Vielleicht kennst du auch solche Situationen?
Wann hast du zuletzt gedacht: „Da wird sich schon jemand drum kümmern.“?
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