Von falschen Annahmen und Erwartungen

Besonders in meiner Zeit als Teamleiter hatte ich immer wieder die folgende Erfahrung machen müssen.

Etwas für mich Selbstverständliches hatte ich bei den Kollegen vorausgesetzt und musste öfter feststellen, das ich ganz schön auf dem Holzweg war.

Ich war damals überzeugt, dass der Fehler bei den Kollegen lag, ist doch schließlich „selbstverständlich“. Aber je öfter mir das auf die Füße fiel, desto klarer wurde mir mein Irrtum.

Meine prägendste Erfahrung, die ich diesbezüglich machte, war der Beginn der Coronakrise, die uns alle ins Homeoffice „verbannt“ hatte. Wir hatten vorher noch nie aus dem Homeoffice miteinander gearbeitet, wir kannten diese Art zu arbeiten gar nicht. Unsere Arbeit fand bis Dato ausschließlich in unserem Büro statt und die Zusammenarbeit gelang gut.
Von einem Tag auf den anderen änderte sich dann plötzlich alles für uns. Wir saßen jetzt mit Laptop und Headset bewaffnet daheim und versuchten unser Bestes. Es war aber gar nicht geklärt, wie die Zusammenarbeit nun organisiert werden sollte? Welche Kommunikationskanäle nutzen wir? Telefon, Chat, Mail? Wie planen wir unsere jeweilige Verfügbarkeit und bilden das für das Team ab? Wer bearbeitet welches Thema und wie wird das kommuniziert? All das hatten wir im Vorfeld nicht besprochen, es ging damals alles einfach viel zu schnell.
Es kam dann wie es kommen musste. Sehr viele Missverständnisse, Meinungsverschiedenheiten und sogar handfeste Konflikte entbrannten unter den Kollegen. Ich selbst erreichte meine eigenen Kollegen manchmal nicht, weil ihr Handy ausgeschaltet war. Das kostete uns viel Zeit und Nerven. Auch ich selbst musste mich ja erst noch an die neue Situation gewöhnen. Ich ging in dieser Zeit in sehr vielen Situationen zu oft ganz selbstverständlich davon aus, dass die Kollegen die Dinge so sahen wie ich.

Aber genau das war selten der Fall.

Mir wurde damals in aller Deutlichkeit bewusst, wie unterschiedlich jeder einzelne definierte, was für ihn eine Selbstverständlichkeit war. Ich selbst hatte auch meine eigene Vorstellung was selbstverständlich ist und die unterschied sich nochmals. Das hatte ich so deutlich noch nie realisiert.

Ich sah irgendwann nur noch einen einzigen Ausweg. Ein gemeinsames Regelwerk musste her, wie wir nun im Homeoffice wieder miteinander statt gegeneinander arbeiten wollen. Es musste geklärt werden, wie die Zusammenarbeit einheitlich, für alle verständlich und für jeden weitgehend akzeptabel geregelt wird und auf welchem Weg was kommuniziert wird..

Ich habe in dieser Zeit besonders eindrücklich erkannt:

Selbstverständlichkeiten existieren nur im eigenen Kopf.

Ich frage heute viel häufiger nach, bevor ich etwas als selbstverständlich voraussetze.

Wie ist es bei dir? Kennst du ähnliche Erlebnisse, in denen du auch vorher davon ausgegangen bist, das etwas selbstverständlich ist?