Von der Gefahr, unsere Individualität an KI zu verlieren
Nach meinem letzten Beitrag zur Nutzung von KI in Blogs, musste ich mir eingestehen: In diesem Thema steckt noch so viel mehr. Das kannste so noch nicht stehen lassen. Ja, ich denke darüber wird noch einiges zu schreiben sein.
Ich möchte daher heute noch etwas tiefer in die Frage eintauchen, was KI mit unseren Texten macht, und euch zu meiner kleinen Gedankenreise dazu einladen. Es geht um die Frage, wenn sich alles immer mehr angleicht, wo bleibt dann der Mensch und seine Individualität hier am Ende?
Darüber habe ich in den letzten Tagen recht viel nachdenken müssen. Dabei kam mir beim Gitarre spielen Irgendwann der brillante Song „Money for Nothing“, von den Dire Straits in den Sinn – übrigens, einer meiner absoluten Lieblingsbands der 80er.
Um was ging es in dem Song? In einem Elektromarkt beobachtete Knopfler, wie ein Angestellter auf die vielen Fernseher starrte, auf denen gerade ein MTV‑Konzert lief. Der Mann schüttelte den Kopf und sagte sinngemäß: „Schau dir diese Pfeifen an, so musst du es machen. Ein bisschen Gitarre auf MTV spielen und dafür ein Vermögen kassieren, Ruhm und Ehre gibt’s noch obendrauf. Während wir hier jeden Tag Fernseher und Kühlschränke durch die Gegend schleppen.”
Was dieser Mitarbeiter nicht bedacht hatte, war der lange Weg dorthin: Die Nächte im Proberaum, die kleinen Auftritte vor wenig Publikum. Selbst kreativ zu werden und daraus etwas erfolgreiches zu erschaffen. Unermüdlich an sich selbst zu glauben und immer wieder aufzustehen. Der Mut, sich zu zeigen – vor vielen Menschen auf einer Bühne zu stehen. Und noch so unfassbar viel mehr, was dazu gehört.
All das formt etwas, das man nicht kaufen kann: Die Entwicklung einer eigenen Handschrift, ein eigener Charakter, der eine Band unverwechselbar macht.
Was hat das jetzt mit KI zu tun?
KI ist heute in der Lage, die ausgefeiltesten Rockriffs sozusagen auf Knopfdruck zu erzeugen. Es könnte sich vielleicht der eine oder andere nun die Frage stellen: Lohnt es sich dann überhaupt noch Gitarre spielen zu lernen? Und ich kann euch aus eigener Erfahrung sagen: Schon allein das braucht einiges an Durchhaltevermögen, bis du halbwegs so klingst wie ein Rockstar. Zur Bühnenreife habe ich es in 60 Jahren jedenfalls noch nicht geschafft, aber ich arbeite noch dran. 😉
Fassen wir das mal zusammen: Rockmusik lebt nicht vom Riff allein. Sie lebt von der Geschichte eines Songs, der Haltung und dem Grund, warum eine Band überhaupt spielt. Das ist ja nicht einfach nur verzerrte Gitarrenmusik. Rockmusik ist ein Lebensgefühl, getragen von Überzeugung und Haltung. Und dieses Lebensgefühl machen für uns doch auch ganz besonders die Musiker aus, die da oben stehen: Ich nenne hier mal eine Band, die wie kaum eine andere, für eine ganz besondere Haltung steht: die Rolling Stones. Ich denke, ihr wisst was ich meine.
Spinnen wir den Gedanken oben jetzt mal weiter: Was wäre, wenn wir eines Tages nur noch Musik hören, die künstlich generiert wurde. Würden sich dann alle Songs irgendwie ähnlich anhören?
Das kann ich nicht beantworten. Aber diese Frage bringt mich direkt zu dem Aspekt, auf den ich eigentlich hinauswill. Denn dieses Phänomen betrifft nicht nur Musik. Auch unsere Sprache könnte irgendwann immer ähnlicher klingen.
Seit einiger Zeit lese ich immer öfter Texte im Netz, oder in den sozialen Medien und denke mir: Das klingt doch irgendwie verdächtig nach KI. Schön ausformuliert, gut strukturiert und irgendwie recht angenehm zu lesen. Ist dir das auch schon mal aufgefallen? Das liest sich immer irgendwie geölt, klingt aber auch irgendwie glattgebügelt, so dass manchmal kaum noch etwas Eigenes hängen bleibt. Oft entdecke ich Muster, die sich erstaunlich oft wiederholen. Hier scheint sich eine Art Standardschema einzuschleichen. Und genau da kam mir ein Vergleich aus meinem Berufsleben in den Sinn.
Nehmen wir als Beispiel Datenbankserver. Es gab eine Zeit, da hatten wir viele verschiedene davon im Einsatz. Jeder war etwas anders konfiguriert, aber sie dienten alle demselben Zweck.
Das Problem: Mit jeder Abweichung wurde die Verwaltung aufwendiger. Wir wollten die Systeme schließlich möglichst effizient administrieren, Fehler nachvollziehen und Sicherheitseinstellungen einheitlich umsetzen. Also führte irgendwann kein Weg mehr daran vorbei. Wir mussten standardisieren, um die Kosten zu senken.
Von da an wurden neue Datenbankserver nach einer vorher festgelegten Schablone eingerichtet. Das erleichterte so einiges: Fehler ließen sich besser reproduzieren, Sicherheitseinstellungen konnten zentral festgelegt werden und die Systeme insgesamt einfacher verwalten. Aus diesen Servern wurden also am Ende alles nahezu gleiche Systeme.
Ich will euch jetzt nicht weiter mit Datenbankservern langweilen, aber erkennt ihr das Muster?
Das, was KI ausgibt, ist ja auch irgendwie eine standardisierte Art Text zu generieren.
Die KI erzeugt zwar jedes Mal einen neuen Text, arbeitet dabei aber mit sprachlichen Mustern und Wahrscheinlichkeiten, die sie aus sehr großen Mengen vorhandener Texte gelernt hat. Das macht ihre Ergebnisse effizient, meist gut strukturiert und angenehm lesbar.
Es birgt aber auch die Gefahr, dass sich die Art, wie Texte geschrieben werden, immer stärker angleichen, wenn wir zu wenig Eigenes hineinbringen. Es entsteht dann leicht eine Art sprachlicher Durchschnitt aus vielem, was bereits geschrieben wurde, wenn man so will.
Stark vereinfacht stelle ich mir das ungefähr so vor:
Nehmen wir mal einen Erbseneintopf. Den gibt es je nach Region, Familie oder Koch in ganz unterschiedlichen Varianten. Mal kräftiger, mal milder, mal mit einer besonderen Zutat – und genau das macht ihn interessant.
Wenn wir nun all diese Eintöpfe zusammenschütten und gründlich verrühren, entsteht am Ende vielleicht so etwas wie ein Standardeintopf. Der schmeckt vermutlich niemandem richtig schlecht. Aber irgendwann schmeckt eben auch keiner mehr besonders.
Und genau hier musste ich wieder an meinen zweiten Beitrag denken: Der schleichende Verlust von Lebendigkeit.
Wir sollten unsere Individualität niemals „wegstandardisieren“, nur weil es bequemer und effizienter ist.
Denn grade sie macht uns unverwechselbar.
Wir sind schließlich keine Datenbankserver und mögen auf Dauer auch keinen Standardeintopf.
Money for Nothing klingt zwar verlockend. Aber ich möchte meine eigene Entwicklung definitiv nicht gegen ein schnelles Ergebnis eintauschen – schon gar nicht auf Kosten meiner Individualität.
Und nicht zu vergessen. Wie ich in einer meiner Lektionen aus der Werkstatt ja selbst gelernt habe, ist es auch beim Gitarre spielen nicht das Ziel, möglichst schnell etwas auf die Reihe zu bekommen. Viel wichtiger ist der Spaß am Musizieren selbst. Denn auch den kann uns KI nicht geben.
So, und jetzt drehe ich meinen Verstärker auf und widme mich wieder dem Riff von Money for Nothing. Der Meister schaut mir dabei über die Schulter, dann kann beim Üben ja eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Das Stück ist jedenfalls nix für yo-yos 🎸
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