Vom Konflikt, den wir mit uns selbst führen, wenn wir den äußeren vermeiden.

Immer wieder gab es Situationen in meinem Leben, in denen ich lieber schwieg oder sogar zustimmte, obwohl ich es eigentlich anders sah. Warum mir ausgerechnet ein Dialog aus einem alten Kölner Tatort half, dieses Verhalten zum ersten Mal zu erkennen und zu hinterfragen, erzähle ich in diesem Beitrag.

Vielleicht kennt ihr das auch? In Situationen in denen ich eigentlich hätte NEIN sagen müssen, spürte ich oft einen seltsamen inneren Widerstand. Das Nein fiel mir schwer. Also sagte ich häufig ja, oder verschwieg meine ehrliche Meinung. Damit war die Harmonie nicht gefährdet, die Situation erstmal erledigt und ich musste keinen möglichen Konflikt austragen. Oft schwieg ich auch, wenn mein Gegenüber etwas von sich gab, was nicht meiner Ansicht entsprach, oder schlicht falsch war. „Ich will doch jetzt hier keinen Streit anfangen“, war meine innere Ausrede. Manchmal vermied ich sogar Situationen, in denen ich ein Nein hätte aussprechen müssen. Das war einfach so und ich dachte damals kaum darüber nach.

Eines blieb in all diesen Situationen aber immer gleich. Ich fühlte mich nicht gut und spürte sehr genau, dass ich das eigentlich so nicht stehen lassen konnte, wenn ich ehrlich zu mir selbst sein wollte. Eine Art innerer Konflikt mit mir selbst ergab sich nun für mich. Der Konflikt, den ich nach außen vermieden hatte, verlagerte sich nach innen.

Den Konflikt, den ich vermieden habe, führte ich also nun mit mir selbst.

Aber warum fiel es mir so schwer, einfach nein zu sagen?

Dazu eine kleine Geschichte.
Ich war früher ein echter Tatortfan, der Tatort war jeden Sonntag sozusagen Pflichtprogramm. Besonders gern sah ich die Kölner Ausgabe, mit Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt. Die beiden sehe ich noch heute sehr gern, schon allein wegen der besonders humorvollen Dialoge, die mich immer wieder zum schmunzeln bringen.

In einer recht alten Folge – ich weiß gar nicht mehr wann das war, kam es sinngemäß zu folgendem Dialog zwischen Freddy und Max.

Die beiden waren sich in einer Situation nicht sonderlich grün und es gab einen Konflikt zwischen ihnen. Freddy äußerte eine recht eigensinnige Meinung, und Max war darüber ziemlich empört. Seine Reaktion lautete in etwa so:

Ich wusste gar nicht, dass du so ein Arsch sein kannst!

Freddy schaute Max darauf ruhig und süffisant in die Augen und antwortete trocken:

Das war auch ein hartes Stück Arbeit.

Bäm! Der Satz hat gesessen. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Keine Rechtfertigung, sondern eine klare Ansage. In diesem eigentlich sehr einfachen Dialog steckte mehr Lebensweisheit, als auf den ersten Blick erkennbar.

Diese herrliche Antwort ging mir danach lange nicht mehr aus dem Kopf. Dieser Dialog führte dazu, dass ich zum ersten mal mein Verhalten diesbezüglich hinterfragte. Ich erkannte, dass es eben nicht leicht ist und möglicherweise für viele Menschen harte Arbeit an sich selbst bedeutet, wenn man sich selbst treu bleiben will. Das wird einem nicht geschenkt. Darüber hatte ich bis dahin noch nie so richtig nachgedacht. Gleichzeitig spürte ich damals sehr deutlich, dass es genau so richtig ist. Auch erkannte ich, dass es nicht vorrangig um Harmonie gehen darf, sondern darum, seine eigene Meinung klar zu vertreten, auch wenn sie dem Gegenüber nicht schmeckt. Wer nicht zu allem Ja sagt und den Mut aufbringt, seine eigene Meinung zu äußern, wird auch meist eher respektiert und ernster genommen. Und ja, dass kann manchmal harte Arbeit an sich selbst bedeuten, wenn man daran etwas ändern will.

Ich las später mal folgenden Satz, der gut dazu passte:

„Es gibt keine falsche Meinung.
Es gibt nur deine Meinung und meine Meinung.“

Natürlich gibt es auch schlicht falsche Aussagen. Wenn morgens die Sonne aufgeht und ich behaupte, das sei der Mond, dann ist das keine Meinung, sondern einfach Quatsch. Der Satz zielt vielmehr darauf ab, dass wir unserer eigenen Meinung manchmal nicht trauen und sie aus Angst sie könnte falsch sein, gar nicht erst äußern.

Ein Phänomen das auch gut hier rein passt, ist das sogenannte „People Pleasing”, also sinngemäß – anderen nach dem Mund zu reden, um zu gefallen. Auch ein spannendes Thema, darüber schreibe ich vielleicht mal einen eigenen Beitrag.

Insgesamt geht es oft um tief sitzende Glaubenssätze, innere Überzeugungen und Einstellungen, die uns hindern bei uns zu bleiben. Und genau daran kann man arbeiten. Und ja, ich gebe zu, mir geht es heute hin und wieder noch so, dass ich darüber nachdenke, ob ich nun meine Meinung dazu äußern will oder nicht? Ich habe aber gelernt, stärker auf mein inneres Gefühl zu achten. Das ist für mich zu einem sicheren Anker geworden, der mir immer wieder hilft, auf meinem Weg zu bleiben und mir sagt:

Bleib dir treu.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht. Es geht nicht darum ein „Arsch“ zu sein. Das ist hier nur symbolisch gemeint. Aber ihr wisst sicher worauf ich hinaus will. Es geht im Kern darum, so früh wie möglich, klar und deutlich zu sagen was man möchte, was man nicht möchte und was man für richtig hält. Es geht darum, mutig genug zu sein, diese Ehrlichkeit und Klarheit Schritt für Schritt immer stärker in das eigene Leben zu integrieren. Durch regelmäßige Übung wird es dann auch immer besser gelingen. Und es ist ja schließlich auch OK, wenn wir mal unterschiedlicher Meinung sind. Das gehört einfach zum Leben dazu.

Mein Lieblingssatz in solchen Situationen lautet heute z.B. gern so:

„Ich sehe das anders.“

Dieser kurze Satz hilft mir, meine Haltung sichtbar zu machen, ohne mein Gegenüber anzugreifen oder abzuwerten. Ich behaupte damit nicht, dass nur meine Sicht richtig ist. Ich mache lediglich deutlich, dass ich nicht zustimme. Und manchmal ist genau dieser eine Satz der erste wichtige Schritt, um sich selbst treu zu bleiben.

Abschließen möchte ich den Beitrag mit folgendem, nicht ganz so ernst gemeinten Satz.

„Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.“

Ich finde jeder Mensch sollte die Hauptrolle in seinem eigenen Leben spielen. Das bedeutet nicht, egoistisch zu sein. Es geht vielmehr um ein gutes Miteinander. Und das kann nur funktionieren wenn wir ehrlich miteinander sind, unsere Wünsche und Grenzen aussprechen und uns gegenseitig ernst nehmen.


Nur so können wir uns gemeinsam weiterentwickeln und gut voneinander profitieren.

Erkennst du dich darin wieder?
Hast du auch schon mal „Ja“ gesagt oder geschwiegen und das später bereut?